
Jürgen Trittin
Erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Energieeinsparung - das ist unsere Strategie zum Stop des Klimawandels.
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Rede vom 09:06:2010
Rede zur Aktuellen Stunde "Abbau Neuverschuldung durch sozial gerechte Belastung"
Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren!
Herr
Kollege Barthle, wenn Ihnen die Arbeitnehmer mit
geringen
Gehältern ein wirkliches Anliegen wären, dann
müssten Sie hier eigentlich lautstark für einen
Mindestlohn
streiten und dürften nicht Arbeitslose gegen
Arbeitende
ausspielen.
Meine Damen und Herren, Sie bezeichnen sich selber
als „bürgerliche Koalition“. Werfen wir doch einmal
einen
Blick auf die bürgerlichen Umgangsformen dieser
Tage – Frau Präsidentin, ich entschuldige mich, weil
ich
das zitiere –: Da laufen „kleine Kinder“, von
„Gurkentruppen“
bedrängt, ein „Rumpelstilzchen“ springt hervor,
und plötzlich droht ein Überfall von „Wildsäuen“.
Das ist der Ton dieser angeblich bürgerlichen
Koalition.
Lieber Herr Schäuble, nach dieser Logik wären Sie der
Schatzmeister einer „Gurkentruppe“. Dagegen würde
ich mich an Ihrer Stelle wehren. Das sollte Ihnen als
seriösem
Politiker zu weit gehen.
Der bürgerliche Diskurs ist bei Schwarz-Gelb schlicht
und ergreifend zum Türsteherjargon verkommen. Sie
benehmen
sich wie eine Koalition der Kesselflicker. Eine
Koalition der Kesselflicker ist aber nicht in der
Lage, die
öffentlichen Haushalte zu sanieren.
Eine Koalition, die sich
so
aufführt, wird niemanden in diesem Lande davon
überzeugen
können, dass es seriöser Anstrengungen bedarf,
um die öffentlichen Haushalte in Ordnung zu bringen.
Wer selber nicht seriös ist, kann keine seriöse
Haushaltspolitik
machen.
Wie unseriös Sie sind, das können Sie in Ihrem eigenen
Katalog nachlesen. Ihre gesamte eigene Klientel
kommt völlig ungeschoren davon. Das Einzige, was Sie
machen, ist, dass Sie sich mit präzisen Beiträgen an
denjenigen
schadlos halten, die sich nicht wehren können,
nämlich den sozial Schwächsten.
Da werden 30 Milliarden Euro bei den sozial
Schwächsten
gekürzt.
Dies begleitet der Fünf-Prozent-Herr-
Westerwelle mit der Ansage, alles andere wäre
Freibier
für alle. Nun will ich nicht bestreiten, dass Herr
Westerwelle sich mit Freibier auskennt. Allerdings gilt
das nicht für Freibier für alle. Er war es doch, der
zu Beginn
dieses Jahres Freibier für die Mövenpicks dieser
Republik durchgesetzt hat.
Jede seriöse Haushaltssanierung in diesem Lande
beginnt
mit einem ganz einfachen Schritt: Beenden Sie die
Subvention bei der Mehrwertsteuer für die Mövenpicks!
Das bringt 1 Milliarde Euro in den Haushalt zurück,
und
das ist ein vernünftiger und seriöser Beitrag zu
einer Sanierung
der Haushalte.
Sie sagen, dass Sie jetzt versuchen wollen,
Mitnahmeeffekte
zu verhindern. Mitnahmeeffekte zu bekämpfen
ist aber das alltägliche Geschäft jeder vernünftigen
Regierung. Das können Sie sich nicht als besondere
Leistung anrechnen lassen.
Beim Subventionsabbau aber kneifen Sie.
Das Umweltbundesamt hat die Summe der ökologisch
kontraproduktiven Subventionen auf 48 Milliarden Euro
taxiert. Durch die Abschaffung der Ausnahmen bei der
Ökosteuer könnten Sie relativ schnell 5 bis 7
Milliarden
Euro einsparen.
Das wäre ein Signal für eine
Beteiligung
der Wirtschaft und für den Willen gewesen, diese
Gesellschaft
auf einen ökologischen Modernisierungskurs zu
bringen.
Schließlich tischen Sie uns ein Linsengericht auf und
wollen sich für die Laufzeitverlängerung der
störanfälligsten
Pannen- und Altreaktoren dieser Republik bezahlen
lassen.
Sie müssen sich einmal die Dimensionen vor Augen
halten:
Die Landesbank Baden-Württemberg, nicht die Grünen,
hat ausgerechnet, dass eine Laufzeitverlängerung
um 25 Jahre bis zu 230 Milliarden Euro zusätzliche
Profite in die Kassen der Energiekonzerne bringt. Das behaupten
nicht die Grünen, sondern das behauptet die
Landesbank Ihres Heimatlandes, Herr Barthle.
Sie kommen uns jetzt mit 2,3 Milliarden Euro pro
Jahr. Damit bieten Sie uns aber nichts anderes als
einen
Ablasshandel zulasten der Sicherheit der Bevölkerung
an.
Mit der Bankenabgabe wollen Sie 1 Milliarde Euro
einnehmen. Hätten Sie das Modell von Obama
übernommen,
hätten Sie das Zehnfache eingenommen.
So geht das durch die Bank. Ich stehe mit meiner
Auffassung
in dieser Frage nicht alleine da. Schauen Sie sich
einmal, was Herr Laumann und was Peter Müller sagen:
Dieses Paket hat eine soziale Schieflage, weil Sie es
versäumen,
die Menschen mit starken Schultern einzubeziehen.
Sie machen nichts beim Ehegattensplitting. Sie führen
keine Vermögensabgabe zum Abbau der Altschulden
ein. Sie tasten noch nicht einmal das Steuerprivileg
für
schwere Dienstwagen an; das würde übrigens auch
1 Milliarde Euro bringen. Anders, als Herr Laumann
und
Herr Müller es gesagt haben, gehen Sie nicht an den
Spitzensteuersatz heran.
Meine Damen und Herren, dieses Paket besteht aus Feigheit und sozialem Zynismus. Ich sage Ihnen: Die Bürgerinnen und Bürger haben von Feigheit und Zynismus die Nase voll. Sie wollen Verantwortung und Gerechtigkeit. Das übrigens sind bürgerliche Tugenden.



