Interview vom 07:02:2009

"Der Neubau von Atomkraftwerken ist unrentabel" - Interview in der WELT

DIE WELT: Herr Trittin, Schweden war Vorbild für den Atomausstieg in Deutschland. Sollte es jetzt Vorbild für den Wiedereinstieg sein?


Jürgen Trittin: Ich sehe den schwedischen Wiedereinstieg noch gar nicht. Offenbar gehört es zum Ritual konservativer Regierungen, bei ihrem Amtsantritt den Bau neuer Atomkraftwerke zu verkünden. Das hat der damalige US-Präsident George W. Bush vor acht Jahren auch gemacht. Er wollte insgesamt 50 neue Meiler bauen. Es ist nicht einmal ein Bauantrag gestellt worden.

Wie erklären Sie das?

Trittin: Ein Atomkraftwerk kostet zwischen drei und fünf Milliarden Euro. Bevor sich diese Investition rentiert, können bis zu 15 Jahre vergehen. Der Strom wird dann zu Kosten produziert, die weit jenseits dessen liegen, was freie Märkte heute hergeben. Es sei denn, Schweden will versuchen, den Betrieb der Atomkraftwerke zu subventionieren. Das ist aber unter den geltenden Regeln des EU-Binnenmarkts nicht erlaubt.

WELT: Deutschland subventioniert die erneuerbaren Energien doch auch mit Milliardensummen?

Trittin: Der Europäische Gerichtshofhat geurteilt, dass die Umlagefinanzierung keine Subventionierung im Sinne einer Wettbewerbsverzerrung darstellt. Bei der Windkraft ist es inzwischen so, dass der Strompreis an der Leipziger Börse an manchen Tagen höher ist als die Einspeisungsvergütung. Acht Prozent unseres Stroms kommen heute aus Windkraft.

WELT: Dient die Debatte in Schweden also eher der Vorbereitung von Laufzeitverlängerungen?

Trittin: Schweden hat in der Tat ein seriöses Problem, weil es außer Atomkraft fast nur Wasserkraft zur Stromproduktion nutzt.

WELT: Dann wäre es doch sinnvoll, neue Atomkraftwerke zu bauen?

Trittin: Deutschland zeigt, was der klügere Weg ist - der Ausbau der erneuerbaren Energien.

WELT: Das ist aber auch der teurere Weg, Stichwort Subventionen.

Trittin: Es ist der billigere Weg. Mit dem Neubau von Atomkraftwerken wird eine Struktur der Energieverschwendung aufrechterhalten. Der Wirkungsgrad liegt nur bei 30 bis 40 Prozent. Der Rest entweicht als Abwärme, in die Atmosphäre oder mit dem erhitzten Kühlwasser in die Flüsse.

WELT: Wie wirkt sich die Entscheidung in Schweden auf die Diskussion hierzulande aus?

Trittin: Einige Leute werden die Gelegenheit nutzen, um zu behaupten, es gebe eine Renaissance der Atomenergie in Europa. Derzeit wird nur in Finnland ein neuer Reaktor gebaut. Und da laufen gerade die Baukosten davon.

Jürgen Trittin ist Fraktionsvize der Grünen im Bundestag. Die Fragen stellte Claudia Ehrenstein


Quelle: www.trittin.de