Wie Deutschland resilient und wettbewerbsfähig wird
Liebe Barbara,
lieber Sascha,
liebe Freundinnen und Freunde der DUH,
meine Damen und Herren,
Vielen Dank für die Einladung. Ich soll zur Systemfrage Gas sprechen.
Ich will über Systemische Naivität und Systemische Bräsigkeit sprechen und über eine neue Systemkonkurrenz , in der wir eine Neue Industriepolitik brauchen.
1 Systemische Naivität
Gas nicht als systemische Frage zu sehen, war ein Fehler der Ampelkoalition. Unsere Klima- und Energiepolitik beruhte einer Annahme: Bei allem Streit um das Wie teilen alle Stakeholder die Klimaziele Deutschlands und der Europäischen Union.
Das war falsch. Es zeugte von strategischer Naivität.
Selbstverständlich wollte die Gasindustrie auch nach 2045 weiter mit Gas Profit machen. Selbstverständlich scheuten Hunderte von Stadtwerken die Investitionen in elektrische Verteilnetze und die Rückbaukosten der Gasnetze.
Dabei konnte wir jenseits des Atlantik damals schon beobachten, wie aggressiv Öl- und Gaskonzerne gegen Joe Bidens Green New Deal lobbyierten. Am Ende finanzierten Öl- und Gaskonzerne Trumps Wahlkampf mit rund einer halbe Milliarde Dollar.
In Deutschland gelang es der Gas- und Stadtwerke-Lobby zusammen mit der auf Lügen aufgebauten Bild-Kampagne gegen „Habecks Heizungshammer“ die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung um Jahre zu verzögern.
Aus einer Diskussion um den richtigen Weg zur Klimaneutralität wurde ein brutaler Kulturkampf von rechts, angefeuert von Merz und Söder. Am Ende flogen Steine gegen Grüne Parlamentarier.
Die Verhinderung des Gebäudeenergiegesetzes war einer der Grabsteine der Ampel.
Die Gas-Lobby hatte gesiegt. Eine der ihren, einst Geschäftsführerin des Verbandes Kommunaler Unternehmen und dann Managerin bei E.ON.s Gastochter Westenergie wurde Bundesministerin für Wirtschaft und Energie, Katherina Reiche. Ich verzichte heute darauf, den Spruch von „Bock als Gärtner“ korrekt zu gendern.
SPD und CDU kassierten Robert Habecks technologieoffene Vorgabe von 65 Prozent Wärme aus erneuerbaren Quellen. Sie schufen ein Bürokratiemonster namens „Grüngastreppe“.
Doch waren sie tatsächlich erfolgreich? 2025 waren erstmalig mehr als die Hälfte neuer Heizungen Wärmepumpen.
Die schlimmen Folgen waren andere:
Söders Kulturkampf gegen den Klimaschutz hat vor allem einer Partei genutzt. Der AfD. Sie wurde mit der Unions-Kampagne gegen Klimaschutz massiv gestärkt. Es ist offensichtlich:
Fossile Lobbys sind bereit, die Demokratie für ihre Geschäftsinteressen zu opfern.
Von der Naivität zur Bräsigkeit:
2 Systemische Bräsigkeit
Als bräsig bezeichnen wir in Norddeutschland Menschen, die im Wissen um die Realität stur an ihren Positionen festhalten, auch wenn sie sich als falsch erwiesen haben.
In der Energiepolitik ist die Bräsigkeit bei CDU, CSU wie SPD zum System geworden.
Beispiele gefällig? Vor zwei Wochen forderte Markus Söder mitten im Irankrieg ein „wirkliches Aus vom Verbrenner-Aus“. Letzte Woche verlangte er dann Steuergeld, um die durch den Irankrieg hochschießenden Benzin- und Dieselpreise zu subventionieren. Finde den Fehler.
Bei uns in Bremen heißt so was:
Die denken von 12:00 bis Mittag.
Die Bundesregierung lernt nicht aus Krisen. Als Putin 2022 die Ukraine überfiel, musste Deutschland einen hohen Preis dafür bezahlen, dass es von Russlands Gas abhängig war.
Milliarden flossen in Gaspreisbremsen, Direktzahlungen an Industrie und Bürger. Robert Habeck reiste durch die Welt, um überall Flüssiggas einzukaufen. Neue Terminals wurden gebaut.
Es war gutes Krisenmanagement. Innerhalb eines Jahres wurde die Abhängigkeit vom Russen-Gas überwunden – zu einem sehr hohen Preis.
Nicht jedes der neuen LNG-Terminals war nötig. Aber Robert Habeck wollte dafür sorgen, dass sich eine solche Krise nicht wiederholt. Mit einer Ausbauoffensive für Erneuerbare Energien, mit einer ambitionierten grünen Wasserstoffstrategie, mit dem Gebäudeenergiegesetz. Kurz:
Mit Elektrifizierung und Erneuerbaren sollte Deutschland resilienter werden.
Die aktuelle Bundesregierung will die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme bremsen und Öl und Gas eine Laufzeitverlängerung verschaffen. Statt auf grünen Wasserstoff wird auf Gas gesetzt.
Immer noch stammen 10 Prozent unseres Gases aus Russland. Immer noch finanzieren wir Putins Krieg. Deutschland hat die Abhängigkeit von russischem Gas durch Abhängigkeit von US-Flüssiggas erkauft.
96 Prozent des importierten Flüssiggases stammt aus den USA – bei steigendem Flüssigasverbrauch. Am Flüssiggas hängt im Winter unsere Versorgungssicherheit.
Die Merz-Regierung hat die EU-Kommission gedrängt, sich im Zollstreit mit Donald Trump zu unterwerfen. Merz und von der Leyen haben zugesagt, für 750 Milliarden Dollar Flüssiggas zu kaufen. Diese Menge ist unvereinbar mit dem Ziel eines klimaneutralen Europa 2050. Sie hält Europa weiter in fossiler Abhängigkeit.
Merzs Bräsigkeit gefährdet die Souveränität Europas.
3 Systemkonkurrenz: Petrostaaten vs. Elektrostaaten
Seit Trump im April 2026 völkerrechtswidrig den Iran überfiel, sind Flüssiggasanbieter wie Qatar ausgefallen oder blockiert. Die Preise an der Börse sind seitdem um 180 Prozent gestiegen.
Wir erleben im Irankrieg den Kampf um eine neue Weltordnung.
Die multipolar gewordene Welt wird durch drei Disruptionen erschüttert:
1. Mit dem Ende der Blockkonfrontation gingen die alten Hegemone unter. Die Ordnungsmächte USA und Russland sind heute zu Spoilern der internationalen Ordnung geworden.
2. Der Westen ist am Ende. Das Versprechen auf Wohlstand in Freiheit wird in den Staaten des demokratischen Kapitalismus selbst immer weniger geglaubt. Mit dem autoritären Staatskapitalismus Chinas und seinem ökonomischen Erfolg ist ihm ein globaler systemischer Rivale erwachsen.
3. Wir werden Zeuge des Endes des fossilen Kapitalismus. Zum einen treibt die beschleunigte Klimakrise die Kosten des Nichthandelns in immer neue Höhen. Zum anderen entkoppeln sich Wertschöpfung und Wohlstand immer stärker von der Nutzung fossiler Energie.
Aus diesen drei Disruptionen erwächst eine neue Systemkonkurrenz.
In der multipolaren Welt von heute konkurrieren Petrostaaten mit Elektrostaaten.
Ob ein Land Elektro- oder Petrostaat wird, ist seine strategische Entscheidung – kein geologischer Automatismus.
Dass ein Staat über Öl oder Gas verfügt, führt nicht automatisch dazu, sich wie die Petrostaaten USA oder Russland zu verhalten. Das Öl- und Gas exportierende Norwegen setzt seine Einnahmen daraus für eine Strategie der Defossilisierung ein. Mit großem Erfolg im Verkehrs- und Wärmesektor. Signale in dieser Richtung finden wir in Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Umgekehrt gibt es auch Staaten ohne Öl und Gas, die nicht so recht wissen, ob sie nicht ein Petrostaat bleiben wollen. Dazu gehört Deutschland unter Friedrich Merz. Ihr Preis ist ein Verlust an Souveränität. Anhaltende, fossile Abhängigkeit geht einher mit einem ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.
Denn ökonomisch ist die Konkurrenz zwischen Petro- und Elektrostaaten entschieden. Öl und Gas sind gegenüber Erneuerbaren nicht länger wettbewerbsfähig.
2024 und 2025 waren über 90 Prozent der neuen Kraftwerke Erneuerbare. Der Zubau der Erneuerbaren übertraf zum ersten Mal das Wachstum der Nachfrage nach Strom. Kohle-, Öl-, Gas- und Atomkraftwerke teilten sich beim Neubau eine Marktnische kleiner 10 Prozent.
Schauen wir auf die 3,4 Billionen an globalen Energie-Investitionen insgesamt, so wurden 2026 mit 665 Mrd. Dollar mehr in Sonne und Wind investiert als in Öl mit 500 Mrd. In Netze wurde mehr investiert als in Gas. Fast so viele Milliarden wurden in Elektrifizierung sowie noch einmal in Effizienz investiert. Der Preisverfall bei Speichern sorgte für mehr Investitionen in Batterien als in Atom.
Erneuerbare verdrängen global Gas, Kohle, Öl und Uran.
Diese Marktrealitäten werden in Deutschland gerne ignoriert. Friedrich Merz, Doro Bär und Katherina Reiche träumen lieber von Fusions- und Kugelhaufen-Reaktoren. Träume aber verändern den Markt nicht.
Aber: Mit dem wirtschaftlichen Sieg ist die Konkurrenz zwischen Elektrostaaten und Petrostaaten nicht entschieden. Auch hier gilt: Der Markt regelt nicht alles.
Die fossilen Mächte werden nicht freiwillig abtreten.
Im Gegenteil. Bei Ihnen erwächst aus ökonomischer Schwäche die Neigung zu imperialer Gewalt. Umso wichtiger ist es für Europa, sich aus der Abhängigkeit von Öl- und Gas zu befreien.
Europas Souveränität heißt
- E-Mobilität zu fördern und nicht zu bremsen
- Gas durch Elektrifizierung aus dem Wärmesektor schneller zu verdrängen
- Statt auf eine Gasumlage zu setzen in Batteriespeicher und Flexibilität zu investieren
Europa ist nur als Elektrostaat souverän.
Was ist der Unterschied zwischen Helmut Schmidt und Friedrich Merz? Schmidt lernte aus Krisen.
Nach den großem Ölkrisen von Jom Kippur 1973 und Iran 1979 setzte er auf die Elektrifizierung Deutschlands. Fälschlich glaubte er dabei an die Atomenergie. Doch mit der Elektrifizierung lag er richtig.
Bis zu den beiden großen Ölkrisen wuchsen das Bruttosozialprodukt der Welt, der Verbrauch fossiler Energie und die Elektrifizierung parallel. Seitdem, also seit über 50 Jahren, wachsen Bruttosozialprodukt und Elektrifizierung doppelt so schnell wie die fossilen Energien.
Wir erleben heute das Ende des fossil getriebenen Kapitalismus.
4 Die neue Industriepolitik
Deutschlands Problem sind nicht hohe Arbeitskosten. Die Krise geht tiefer. Deutschlands altes Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr.
Mit billigem russischen Gas Autos, Chemikalien und Maschinen zu bauen, und diese auf offenen Märkten weltweit zu verkaufen, „isch over“ (Wolfgang Schäuble). Es kommt nicht wieder.
Fossile Energie wird nicht wettbewerbsfähiger. Teures Gas hält den Strompreis hoch.
Die Bundesregierung glaubt, dagegen mit Subventionen wie Tankrabatt, Gasumlage, Industriestrompreis und Laufzeitverlängerungen für Gasheizungen und Verbrenner bestehen zu können. Am Ende bleibt Energie teuer und der Staat subventioniert doppelt: die Anbieter wie die Abnehmer von Energie.
Merz, Reiche und Klingbeil betreiben palliative Industriepolitik.
Wer nicht zusehen will, wie der Industriestandort Deutschland stirbt, sollte sich auf den Märkten der Welt umschauen. Für eine Exportnation kann das hilfreich sein.
Während bei Volkswagen und BMW Tausende von Arbeitsplätze abgebaut werden sollen, stockt Tesla seine Belegschaft in Grünheide auf – BYD steigert seinen Absatz in Deutschland um 300 Prozent.
China hat mit seiner E-Auto-Strategie innerhalb von fünf Jahren die USA, Japan und Deutschland überholt. Es ist heute der größte Autoexporteur der Welt. Die weit überwiegende Zahl an neuen PKWs wie Lastern in China fährt elektrisch. Chinesische E-Trucks drängen auf den von Mercedes und Volkswagen beherrschten LKW-Markt in Europa.
Grundlage ist eine konsequente Elektrostrategie. Sie macht China nicht nur resilient gegen die Folgen von Trumps fossilem Imperialismus.
Elektrifizierung erobert neue Märkte.
In Deutschland wird gerne darauf verwiesen, dass China noch einen hohen, ich finde, zu hohen, Kohleverbrauch hat. Doch vier Finger weisen auf uns zurück: Chinas Primärenergie stammt inzwischen zu fast 30 Prozent aus Erneuerbaren. Ihr Anteil am Primärenergiebedarf ist damit 10 Prozentpunkte höher als in Deutschland.
Verschärft wird der Trend zur Elektrifizierung durch die vierte globale Disruption:
Das Wachstum der Künstlichen Intelligenz treibt die Stromnachfrage.
Inzwischen verbrauchen die KI-Rechenzentren in den USA fünf Prozent der Stromproduktion.
Wie wird diese Nachfrage gedeckt? In einem Land, in dem Trump mit Milliarden die Inbetriebnahme von Windparks verhindert? In dem seit seinem Amtsantritt gilt „Drill Baby Drill“? In dem Solaranlagen als „Gefahr für die Nationale Sicherheit“ verboten werden sollten? Nicht mit Kohle, Gas oder Atom.
Im letzten Jahr wurden in 64 GW neue Kraftwerke zugebaut. Fast 52 GW waren neue Solaranlagen und Speicher. Knapp 8 GW liefern neue Windturbinen. Gasturbinen stellen die restlichen 4,7 GW – eine Marktnische von 7,5 Prozent.
Der Grund für den Ernuerbaren Boom ist einfach. Der Strom wird jetzt gebraucht. Er muss billig sein und schnell verfügbar. Rechenzentren brauchen verlässliche Versorgung. Es gibt nichts billigeres Verlässlicheres als Solar mit Batteriespeicher.
Trumps Energiepolitik wird von seinen Oligarchen aus der Tech-Branche konterkariert.
In Deutschland dagegen herrscht Dunkelflaute – in den Köpfen von Reiche und Merz. Versorgungssicherheit durch subventioniertes Gas zu schaffen ist doppelt teuer.
Und weil durch Gas und Gasumlage der Strompreis hoch bleibt, stockt die Elektrifizierung der energieintensiven Industrie. Zu besichtigen in Burghausen. Bei Wacker-Chemie wurde die Investitionsentscheidung für ein Hochtemperatur-Wärmpumpe wegen des durch Reiche unkalkulierbar gewordenen Strompreises auf Eis gelegt. In Burghausen wird Silizium vorerst weiter mit fossil.
Gas untergräbt die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrie in Deutschland.
Deshalb müssen wir aussteigen.
5 Gasausstieg: Deutschland resilient
Deutschland muss wettbewerbsfähiger werden. Wir müssen uns aus der Abhängigkeit von Autokraten wie Putin und Trump befreien.
Dafür müssen wir geordnet aus der Nutzung von fossilem Gas aussteigen.
- Wir müssen Industrie, Wärme, Verkehr schneller elektrifizieren.
- Strom muss billiger werden.
- Erneuerbarer Strom ist billig.