Alles muss anders bleiben – die neue Realität der Hafenwirtschaft
Rede auf der 3. EnvoConnect am 03. September in Bremen
Moin
Vielen Dank für die Einladung, auf der dritten EnvoConnect sprechen zu dürfen.
1 Bremen
Ich bin gerne in meine Heimatstadt Bremen gekommen. Ich bin keiner der Bremer Stadtmusikanten. Die meinten „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall“.. Doch Esel, Hund, Katze und Hahn sind nie nach Bremen gekommen. Sie haben es sich lieber in einem besetzten Haus gemütlich gemacht. Meine letzte Hausbesetzung liegt 40 Jahre zurück.
Da blieb mir nichts, als zurück nach Bremen zu kommen.
Ihr heutige Motto lautet: EnvoConnect: 360 ° Green Focus – the new Reality. Hafenwirtschaft, die sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Das passt prima zu einem grünen Vegesacker Jung.
Doch dann fragte ich mich: Stimmt das überhaupt? Ist das nicht naiv? Folgt die Welt nicht gerade einem anderen Narrativ als einem grünen? Erleben wir nicht ein weltweit ein fossiles Rollback?
Diese Frage ist nicht entschieden. Ich möchte mich ihr aus der Perspektive des italienischen Philosophen Antonio Gramsci widmen:
Mit dem Pessimismus des Verstandes und dem Optimismus des Willens.
2 Alles muss anders werden?
Unsere Welt wird gerade von gewaltigen Brüchen erschüttert.
→ Davon zeugen die Kriege in der Ukraine, in Gaza, im Sudan oder im Kongo.
→ Die Klimakrise schreitet schneller voran als prognostiziert. Wälder brennen früher und stärker.
→ Kriege und Klimakrise lassen die Zahl von Flüchtenden steigen.
→ Die Plastikkrise zerstört Artenvielfalt und die Lebensgrundlage vieler Menschen im Globalen Süden.
Ob Kriege, Klima- oder Plastikkrise all diese Herausforderungen erfordern mehr internationale Kooperation.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Rückzug ins Nationale ist en vogue. Wir erleben einen dramatischen Umbruch des internationalen Systems. Die regelbasierte Nachkriegsordnung der letzten 80 Jahre soll durch das Recht des Stärkeren ersetzt werden. Die Welt steuert auf eine Ordnung zu, wie wir sie aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg kannten. Autokraten wie Putin und Trump sind sich einig:
Alles muss anders werden – damit für sie alles so bleibt, wie es ist.
Der Beispiele gibt es zuhauf:
→ Mit Gewalt werden Grenzen verändert . Putins imperialistische Landnahme in der Ukraine wird von Trump akzeptiert. Europa steht hilflos daneben.
→ Trump erzwingt mit seinem Zollkrieg eine neue Welthandelsordnung zum Vorteil der USA
→ Europa lässt sich erpressen. Bei Industrieprodukten steht es 0:15 für die USA, bei Stahl und Aluminium gar 0:50.
→ Putin wie Trump wollen die Welt in Abhängigkeit von fossilen Energien halten – und Europa verspricht, statt russischem Gas für 750 Mrd. $ US-Fracking-Gas zu kaufen.
Das alles sind schlechte Nachrichten für Deutschland und Europa. Es sind schlechte Nachrichten für die Hafenwirtschaft. Handel braucht Investitionssicherheit.
Trumps Disruption des Welthandels ist Gift für die Hafenwirtschaft.
Eine nachhaltige Hafenwirtschaft wird dabei gleich doppelt getroffen. Beim Handel und bei der Nachhaltigkeit. Der Einbruch bei den Autoexporten trifft Bremerhaven direkt.
Die USA unter Donald Trump versuchen daneben global ein fossiles Roll-Back durchzusetzen. Sie machen kein Geheimnis von ihren Absichten. Unter der Doktrin „America First Energy Dominance“ hat Trump per Dekret und Gesetz eine ganze Batterie von Maßnahmen gegen Klimaschutz und gegen Erneuerbare durchgesetzt.
→ die Beendigung der bevorzugten Behandlung von Wind- und Solarprojekten auf Bundesland,
→ das Stoppen neuer Offshore-Windprojekte wie das von Orstedt vor Long Island
→ das Aufheben von Steuergutschriften für saubere Energien.
→ Der zweite Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen
→ Steuervorteile, Subventionen und Verfahrenserleichterungen für die Fossile Industrie im Wert von 45 Mrd. $. Die Branche hatte 450 Mio. $ in seinen Wahlkampf investiert – eine beachtliche Rendite.
→ das Aufheben der Grundlage zur Regulierung von Treibhausgasemissionen in den USA.
→ Massive Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit durch Kürzungen in der Raumforschung, in der Meteorologie und damit der globalen Grundlagenforschung zu Ursachen der Klimakrise.
Trump will die Welt blind in die Klimakrise schicken.
So soll die US-Dominanz bei fossilen Energien abgesichert werden.
3 Hanse heute
Ich rate dazu, der Trump-Herausforderung mit hanseatischer Festigkeit und bremer Gelassenheit zu begegnen.
Wir Bremer wissen seit den Zeiten der Hanse: Handel ist kein Nullsummenspiel. Der Gewinn des einen muss nicht den Verlust des anderen bedeuten. Vom Handel können beide einen Vorteil haben.
Wenn Trump auf Abschottung setzt, sollten wir mit einer Neuen Hanse antworten
Oder wie Bill Clinton es einmal ausdrückte: „It’s Economy, stupid.“
Der Erfolg eines fossilen Rollback hängt stark an der Ökonomie. Hier ist etwas anders geworden und das bleibt: .
Nachhaltigkeit ist zum ökonomischen Vorteil geworden.
Die Elektrifizierung fossiler Anwendungen beim Fahren oder Heizen ist gut fürs Klima. Wärmepumpen und E-Autos sind kostengünstiger, weil sie effizienter sind. Das wird nicht aufzuhalten zu sein.
Das mag Sie aus dem Mund eines ehemaligen Umweltministers überraschen. Aber der alte Öko hat milliardenschwere Investoren auf seiner Seite.
Nach zwei rückläufigen Jahren haben zwar die 65 größten Banken 2024 wieder mehr fossile Projekte finanziert. Aber das hat nicht geholfen.
Die Internationale Energie Agentur hat jüngst den Stand der Investitionen in 2024 zwischen Erneuerbaren und Fossilen analysiert. 2024 ging der Wettkampf letztes Jahr 2:1 für die Erneuerbaren aus.
Mit 2,2 Billionen US $ wurde weltweit doppelt so viel in Clean Technology wie in klimaschädliche Fossile investiert. Auf Platz 1 liegt dabei China, dass inzwischen mehr investiert als die USA und Europa zusammen.
Für Klimaschutz und Energiewende ist die Stromerzeugung essenziell. Strom wird unzählige Verbrennungsprozesse ersetzen – oder weiterhin unvermeidliches Brennmaterial liefern. Das gilt für Verkehr, Wärme und Industrie, für die Schifffahrt. Diese Transformation und neue Anwendungen wie die Künstliche Intelligenz treiben den Strombedarf weltweit.
Blicken wir auf die weltweit neu installierten Stromkapazitäten, fällt die Dominanz der Erneuerbaren noch deutlicher aus. Aus Zweidritteln werden über 90 %.
2024 gingen 585 GW Wind und Solarkraftwerke neu ans Netz. Das waren 92,5 % aller neu geschaffenen Stromkapazitäten – gut fürs Klima. Der vermiedene Verbrauch fossiler Brennstoffe entspricht einem Gegenwert von rund 57 Milliarden US-Dollar.
Der Strommarkt hat gesprochen:
Erneuerbare wachsen schnell, der Anteil von Kohl, Gas und Atom sinkt.
Bundeswirtschaftsministerin Katherine Reiche behauptet , Erneuerbare seien teuer. Das Gegenteil ist wahr: Erneuerbare sind unschlagbar preiswert.
Zwischen 2010 und 2020 sanken die Kosten für Wind- und Sonnenstrom um 85 %. Mit 3,4 US-Cent/kWh blieb die Windenergie an Land die preiswerteste Form neuer Stromerzeugung. – gefolgt von der Solarenergie mit 4,3 US-Cent/kWh.
Gaskraftwerke mit 8 Cent oder Kohlekraftwerke mit 12 Cent pro kWh können da nicht mithalten. Atomstrom mit 20 und mehr Cent pro kWh wird aller Propaganda zum Trotz keine Renaissance erleben.
Über 90 % der erneuerbaren Kraftwerke waren wirtschaftlicher als jede neue fossile Alternative.
Trumps Kampf für ein fossiles Rollback ist ein Kampf gegen die Kräfte des Marktes. Doch in seiner Feindschaft zur Marktwirtschaft lässt sich Donald Trump von niemandem übertrumpfen. Da muss die „Nationale Sicherheit“ herhalten, um den fast fertiggestellten Windpark von Orstedt vor Long Island zu blockieren. Die restlichen Teile blockieren jetzt Hafenflächen in Cuxhaven. Diese Verbot nützt nicht der nationalen Sicherheit, es ist zum Schaden der USA.
„Länder, die an fossilen Brennstoffen festhalten, schützen nicht ihre Wirtschaft – sie sabotieren sie!“ (UN-Generalsekretär Antonio Guterres)
Deshalb wird es Zeit für eine Neue Hanse.
Arbeiten wir mit denen zusammen, die ihre Wirtschaft schützen wollen. Hören wir auf, ideologisch gegen den Markt zu kämpfen. Setzen wir auf eine bessere Marktwirtschaft.
→ Stärken wir die Zusammenarbeit im Energiesektor mit Kanada und mit Chile.
→ Beschleunigen wir die Wasserstoffkooperation mit Namibia zur Produktion von grünem Ammoniak und grünem Eisen.
→ Schließen wir Handelsabkommen mit Japan und Südkorea, mit Australien und Neuseeland. Ratifizieren wir endlich Mercosur.
→ Kooperieren wir mit demokratischen BRICS-Staaten wie Südafrika, Indien und Brasilien.
Das alles ist gut für den Handel, es ist gut für das Klima und es ist gut für die Hafenwirtschaft.
Das demokratische Europa wird herausgefordert von einem imperialistischen Russland. Auf der anderen Seite des Atlantiks entwickelt sich eine autoritäre Oligarchie.
Die USA sind nicht nur die Wiege der Demokratie. Sie waren immer Verteidiger offener Märkte. Beides – Demokratie und Marktwirtschaft – zerstört Donald Trump. Die USA werden so zu einem systemischen Rivalen für den demokratischen Kapitalismus Europas.
Gleichzeitig hat ein anderer systemischer Rivale eine ähnliche Interessenlage wie Europa. Auch China will nicht länger von fossilen Importen abhängig sein. Europa wollte aus Putins Krieg gegen die Ukraine den gleichen Schluss ziehen und nie mehr vom Gas von Autokraten, ob am Ural oder vor den Rockies abhängig sein.
Da können wir von China lernen. Darum hat Markus Krebber von RWE recht.
Wir müssen die Erneuerbaren schneller ausbauen.
Das ist der Schlüssel für Europas Resilienz.
4 Green Deal in der Geopolitik
Friedrich Merz und Ursula von der Leyen aber liegen falsch. Die EU-Kommission hat auf deutschen Druck gegenüber Trump auf Appeasement gesetzt. Ob beim Fracking-Gas oder beim Einknicken im Zollkrieg.
Statt Erneuerbare auszubauen, soll die EU für 750 Mrd. $ so viel klimaschädliches Fracking-Gas aus den USA kaufen, wie ein 2050 klimaneutrales Europa bis dahin nicht verbrauchen kann.
Gleichzeitig erhöht sich der Druck aus Teilen der deutschen Industrie und aus der europäischen Rechten, zentrale Teile des Green Deal rückabzuwickeln.
Das mit dem Rückabwickeln wird nicht klappen. Die Energiewende lässt sich nicht verhindern – sie kann aber gebremst werden. Bremsen, genau das will Katherine Reiche.
Das kennen wir von 2011. Damals wollte die CDU Atomkraftkonzernen ihr Geschäftsmodell über eine Laufzeitverlängerung noch einige Jahre sichern. Es ist schon damals schief gegangen.
Eine fossile Laufzeitverlängerung mit Subventionen für Gaskraftwerke, mit dem Bremsen des Netzausbaus, mit einem Vertagen des Verbrennerverbots wird nur einen bösen Effekt haben.
Wir gefährden das Klimaziel – und verlieren wichtige Industrien.
→ Am Ende kommt die Wärmepumpe statt der Gasheizung – aber zwischenzeitlich geratendeutsche Heizungsbau und das Handwerk in eine Krise, weil niemand in Unsicherheit investiert.
→ Am Ende kommt das E-Auto. Nur dann von chinesischen und nicht mehr von europäischen Unternehmen.
→ Am Ende sind wir unabhängig von Putins wie Trumps Gas – aber abhängig von chinesischer Wind- und Solartechnologie.
Wer die Energiewende bremst, beschleunigt Deutschlands Deindustrialisierung.
Wir sollten aus der Deindustrialisierung von 2011 gelernt haben. Damals vertrieben Philipp Rösler von der FDP und Peter Altmaier von der Union die Modulproduktion aus Deutschland. Heute hat China ein Monopol auf Photovoltaik-Module.
Wenn wir wichtige Grundindustrien in Europa halten wollen, brauchen wir
→ Den Einstieg in die industrielle Wasserstoffproduktion samt Differenzverträgen für Elektrolyseure und Offshore-Windparks
→Technologieoffene Speicherkapazitäten von Batterien über Pumpspeicher bis zu Wasserstoffkavernen
→ Den Ausbau der Netze für Strom und Wasserstoff.
→ Einen wirksamen Grenzausgleichsmechanismus (CBAM).
Dann kann es immer noch sein, dass grüner Ammoniak oder grünes Eisen billiger in Namibia produziert wird als hier. Aber wir haben eine Chance auf ein Fortbestehen der deutschen Stahl- und Chemieindustrie.
Wollen wir ein Industrieland bleiben, müssen wir uns aus dem fossilen Entwicklungspfad verabschieden.
Alles muss anders bleiben.
5 Alles muss anders Bleiben
Das Motto 360 ° Green Focus – the new Reality gibt dem eine eigene Bedeutung.
Es ist gut, dass in den deutschen Häfen die nächsten vier Jahren 400 Millionen in die Off-Shore-Kapazitäten investiert werden. Aber es geht um mehr, als um eine nachhaltige Hafenwirtschaft mit Landstromversorgung und vollautomatischen Containerterminals samt selbst fahrenden E-Lastern. Es geht um mehr, als von dreckigem Schiffsdiesel auf grünes Ammoniak umzusteigen.
Wo Nachhaltigkeit zum wirtschaftlichen Vorteil wird, sollten wir diesen Vorteil nicht verspielen. Die ehemalige Gasmanagerin Katherine Reiche ist auf dem Holzweg. Wer gegen den Markt Gas subventioniert, Netzausbau blockiert, mit Verboten und Dekreten Wachstum verhindert, schadet dem Industriestandort Deutschland.
Wir brauchen eine bessere Marktwirtschaft statt lobbygetriebenen Dirigismus.
Wir müssen uns aus unserer fossilen Abhängigkeit befreien. Das ist gut für das Klima – und es stärkt unsere Wirtschaft.
Hafenwirtschaft lebt vom Handel. Die neue Realität ist, dass wir neue Handelspartner brauchen.
Gegen fossilen Rollback und Zollkrieg brauchen wir eine Neue Hanse.
Der Hafenwirtschaft wünsche ich, dass sie auf ihrem nachhaltigen Weg bleibt. Das ist die neue Realität.
Und Ihnen wünsche ich guten Appetit.