Meine Gedanken zum Tod von Johannes Kempmann
Was für eine traurige Nachricht: Hannes ist tot. Johannes Kempmann starb am 24. Mai in Magdeburg.
Hannes hatte einen außergewöhnlichen Lebensweg. Er begann sein politisches Leben in der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, deren Pressesprecher er war. Von 2014 bis 2018 war Johannes Kempmann Präsident des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft.
Menschen verändern sich, Hannes aber veränderte – auch den Lobbyverband der Energiewirtschaft. Johannes Kempmann war einer der wichtigsten Wegbereiter der Energiewende.
Ich habe vier Jahre mit Hannes in einem kleinen Büro im niedersächsischen Landtag zusammengearbeitet – er als innenpolitischer Sprecher der grünen Fraktion, ich als rechtspolitischer Sprecher und zeitweiliger Fraktionsvorsitzender. Zusammen haben wir den Skandal um das Celler Loch aufgeklärt. Am 25. Juli 2978 hatte Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht ein Loch in die Mauer des Gefängnisses Celle sprengen lassen, um einen Terroranschlag vorzutäuschen. Dieser Skandal war einer der Gründe, warum die CDU im Jahr der Wiedervereinigung 1990 in Hannover ihre einzige Niederlage bei einer Landtagswahl kassierte. Es kam zur ersten rot-grünen Koalition in Niedersachsen.
Rot-Grün in Niedersachsen hielt über eine ganze Wahlperiode – anders als die rot-grünen Koalitionen zuvor in Hessen und Berlin. Dass diese Koalition trotz massiver Konflikte um Teststrecken, U-Boote oder die Asylpolitik hielt, war das besondere Verdienst von Hannes – und von Thea Dückert. Die Fraktionsvorsitzende und ihr Stellvertreter sicherten mit Standfestigkeit und unendlichen Gesprächen die knappe Ein-Stimmen-Mehrheit über vier Jahre. Diese Mehrheit wurde immer wieder durch die „Koch und Kellner“ Mentalität des Ministerpräsidenten Gerhard Schröder herausgefordert. Später waren Hannes und Thea einige Jahre verheiratet.
In all den Konflikten bewahrte Hannes einen kühlen Kopf. Stärker als die Umweltministerin Monika Griefhahn von der SPD war er Treiber für eine Stilllegung des Atomkraftwerks Stade und den Stopp der Atommülltransporte nach Gorleben. Er bekämpfte die Weisungen von Klaus Töpfer und später Angela Merkel, die den Weiterbetrieb und die Transporte immer wieder durchsetzten.
Hannes hat sich immer für den Ausstieg und für Gorleben stark gemacht. Seine Verbundenheit dokumentieren unzählige nächtliche Heimfahrten in seinem Volvo ins Wendland. Wenn es darauf ankam, wenn mal wieder Tausende Polizisten einen Castor-Transport durchsetzten, war er vor Ort. Das war nicht konfliktfrei. Er stand für eine Landesregierung, die das nicht verhindert hatte. Aber seine Präsenz wurde anerkannt. Es ist schön, dass die BI sich aus Anlass seines Todes bei ihm noch einmal bedankte.
Hannes wusste, neue Wege zu finden. Wenn man in einer Sackgasse ist, nützt es nichts Gas zu geben. Man muss aus ihr herausfinden. Niedersachsens rot-grüne Ausstiegspolitik war in einer Sackgasse. Die Bundesregierung und die Atomkonzerne blockierten jeden Schritt zum Ausstieg. Hannes entwickelte zusammen mit dem Energiemanager Werner Müller das Konzept des Atomkonsenses.
In Niedersachsen wurde eine Energieagentur zur Förderung von Erneuerbaren und Effizienz gegründet. Der Ausstieg aus der Atomenergie sollte durch eine Begrenzung von Laufzeiten im Konsens mit den Betreibern erfolgen. Das war eine ziemliche Zumutung für Grüne und die Antiatombewegung. Noch mehr aber hassten diese Idee jedoch Union und FDP. Unter Helmut Kohl scheiterten die Gespräche über einen Energiekonsenses.
Umgesetzt wurde dieses Konzept nach 1998 unter der ersten rot-grünen Bundesregierung. Werner Müller wurde Wirtschaftsminister, ich Umweltminister. Gemeinsam setzten wir in zähen Verhandlungen Hannes Idee um: Ausstieg im Konsens und Einstieg in die Erneuerbaren. Der gelernte Stadt- und Regionalplaner Hannes Kempmann war einer der Architekten der Energiewende. Deutschland und die Welt haben ihm viel zu verdanken. Ich verneige mich vor ihm.
Hannes wurde 1998 Technischer Direktor der Städtischen Werke Magdeburg. In seiner Arbeit setzte er fort, was er als Leiter der Energieagentur Sachsen-Anhalt begonnen hatte: Den Aufbau einer sicheren und sauberen Energieversorgung, gestützt auf starke Stadtwerke. Das war so erfolgreich, dass Johannes Kempmann 2014 zum ersten BDEW-Präsidenten mit einem grünen Parteibuch wurde.
In seiner Zeit wandelte sich der Verband von einem Verteidiger der fossil-nuklearen Energie zu einem Mitgestalter der Energiewende. Westenergie und die Gaswirtschaft samt ihrer aktuellen Wirtschaftsministerin sind heute für den BDEW nicht mehr repräsentativ. Das ist ein Verdienst von Hannes. Er machte den Weg für seine Nachfolgerin Marie-Luis Wolff ebenso frei, wie für Kerstin Andreae als heutige Hauptgeschäftsführerin.
Johannes Kempmann hat dieses Land verändert. Aber er ist seinen Wurzeln treu geblieben. 2016 heiratete er eine spätere Pressesprecherin der BI Lüchwo-Danneberg und grüne Bundestagsabgeordnete, Marianne Tritz. 10 Jahre waren den beiden vergönnt. Marianne war an seiner Seite, als er am 24. Mai nachmittags starb.
Hannes und Marianne waren aktive Mitglieder der Stadtgesellschaft von Magdeburg. Hannes war nicht nur Präsident des Golfclubs sondern unter anderem auch Vorsitzender Fördervereins der Hochschule Magdeburg-Stendal. Neben Golf liebte er das Skifahren. Wer ihn einmal auf Skiern die schwarzen Pisten Tirols herunterrasen sah, wusste, hier ist ein geborener Alpenländler unterwegs.
In seinem geliebten Berwang in Tirol wird ihn nun Marianne zur letzten Ruhe betten. Hannes Du fehlst uns.