Defend Science – Love Natur

Dinos gegen Trump

Der Angriff Donald Trumps gegen die Wissenschaft stellt diese selbst in Frage. Glauben soll Evidenz und Empirie ersetzen. Dagegen muss sich Wissenschaft um ihrer selbst willen verteidigen. Meine Rede am 14.07.26 im Naturkundemuseum Berlin. Warum die Liebe zur Natur bei der Verteidigung der Wissenschaft hilft. Und warum es dafür Museen bedarf:

Lieber Johannes Vogel,
Meine Damen und Herren.

Danke für die Einladung.

1 Dinosaurier

Warum hat Johannes Vogel mich eingeladen, hier zu sprechen? Ganz einfach, er ist für seine Dinosaurier berühmt.

Mache nennen mich ein „Urgestein grüner Politik“. Übersetzt heißt dies nicht „alter Stein“. DeepL übersetzt „Urgestein“ mit „long serving member“ ins Englische.

Ich war in der 1980er Jahren Fraktionsvorsitzender im Landtag Fraktionsvorsitzender der Grünen. In den 1990er Jahren Landesminister und dann grüner Parteivorsitzender im Bund. Von 1998 bis 2005 war ich Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, 2029 und 2013 zweimal Spitzenkandidat der Grünen. Nach über 40 Jahren in Parlamenten und Funktionen bin ich seit 2024 pensioniert. Kurz

Ich bin ein Dinosaurier der deutschen Politik.

Der möchte heute über Natur, Wissenschaft und Liebe sprechen.

2 Natur

Als ich Bundesumweltminister wurde, waren einige Naturschützer misstrauisch. Was versteht ein aus der Neuen Linken kommender ehemaliger Hausbesetzer von Natur?

Stimmt, ich bin kein Biologe. Ich bin Sozialwissenschaftler.

Doch unsere Vogelschützer trafen auf einen Minister, der Komorane gegen Fischer und Bauern verteidigte. Nach dem Hochwasser von 2002 gaben wir den Flüssen mehr Raum. Im Harz wurde der Luchs wieder ausgewildert, in Sachsen der Wolf geschützt.

Der ganze ehemalige Grenzstreifen zwischen BRD und DDR von Schleswig-Holstein bis runter nach Bayern und Sachsen wurde unter Schutz gestellt. Der ehemalige Todesstreifen ist heute das Grüne Band.

In Deutschland wird aktuell viel über Bürokratieabbau gesprochen. Gemeint ist fast immer der Abbau von sozialen und Umweltstandards. Infrage gestellt wird das Recht von Umweltverbänden, gegen Straßen, Flugplätze oder Windanlagen zu klagen. Der Natur eine Stimme zu geben, ihr einen Anwalt an die Seite zu geben, war der Kern der Novelle meines Naturschutzgesetzes.

Ökologie ist für mich nicht zuerst eine Disziplin der Biologie.

Ökologie ist globale, generationenübergreifende Gerechtigkeit.

Jeder Mensch, ob im Norden oder im Süden hat heute wie morgen das gleiche Recht zu leben. Dazu bedarf es einer intakten Natur. Es gilt die „biologische Vielfalt“, die „Eigenart“ und die „Schönheit“ der Natur zu schützen. So heißt es in § 1 des Bundesnaturschutzgesetzes.

Es ist eine wertkonservative Botschaft.

Wertkonservatismus hatten viele dem Linken Jürgen Trittin nicht zugetraut. Doch ich hatte nicht nur Häuser besetzt. Ich war zuvor Pfadfinder gewesen und entdeckt so die Natur Norddeutschlands. Ich war als Kind unzählige Maße im Bremer Überseemuseum gewesen. Das weckte meine Neugier auf fremde Kulturen, Tiere und Pflanzen.

Das Bremer Überseemuseum präsentierte damals eine schlimme kolonialistische Sichtweise auf Afrika und Ozeanien. Die Bremer Kaufleute waren mit den gestohlenen Schätzen aus den deutschen Kolonien reich geworden.

Sie werden diese koloniale Sichtweise heute im Museum nicht mehr vorfinden. Es hat seine koloniale Geschichte aufgearbeitet. Die Sicht des Südens hinzugefügt. Sie erlaubt heute einen anderen Blick gerade auch auf die naturkundlichen Exponate.

Naturkunde ist auch Geschichtswissenschaft, ist auch Sozialwissenschaft.

3 Wissenschaft

Doch ob Naturwissenschaft, Geistes- oder Sozialwissenschaft: Wissenschaft ist heute einem umfassenden Angriff ausgesetzt.

Die Wissenschaft wird von rechts bedroht.

Dieser Angriff zielt auf den Kern von Wissenschaft. Der Prozess wissenschaftlicher Erkenntnis war nie konfliktfrei. Wissenschaftliche Erkenntnis löste häufig Widerspruch aus, war unbequem.

Das Bundesumweltministerium hat mehrere wissenschaftliche Institutionen. Viel Geld fließt in die Umweltforschung, in das Bundesamt für Naturschutz oder in das für Strahlenschutz.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 legte das Bundesamt für Strahlenschutz eine Studie vor. Das Ergebnis: Keines der deutschen Atomkraftwerke ist gegen einen vorsätzlichen Flugzeugabsturz ausgelegt. Die Empörung über diesen Befund war groß – vor allem bei den Betreibern. Doch sie konnten diese Fakten nicht widerlegen. Die Studie bestätigte die Richtigkeit eines geordneten Ausstiegs aus der Atomenergie. Aber ich musste alle neuen Zwischenlager im Genehmigungsverfahren nun gegen den Terroranschlag mit einen Flugzeug auslegen. Es wurde teurer.

Als eine andere Studie ergab, dass die Strahlenbelastung beim Fliegen gesundheitsgefährdende Grenzen überschritt, musste die Arbeitszeit für Piloten und Flugbegleiter neu festgelegt werden. Das passte den Fluglinien nicht, wurde aber gemacht.

Wissenschaft war Anlass für neue politische Regulierung.

Umgekehrt löste eine Metastudie zur elektromagnetischen Strahlung von Handys bei der Industrie Zufriedenheit aus. Gesundheitliche Gefahren durch Handystrahlen waren nicht zu belegen. In Bayern aber waren viele Menschen empört, die trotz der Faktenlage glaubten, Handys würden Krebs erzeugen. Doch Handys sind kein Glyphosat.

In all diesen Auseinandersetzungen war der Maßstab, ob die Erkenntnisse wissenschaftlichen Standards genügen. Ob sie widerlegt werden können.

Es war eine Errungenschaft der Aufklärung, dass nicht länger Religion oder Könige definieren, was wahr ist, sondern Evidenz und Empirie.

Auf Evidenz und Empirie sehen sich heute einem Großangriff „alternativer Wahrheiten“ ausgesetzt.

In Deutschland hat die faschistische AfD die Unterstützung von einem Fünftel bis zu einem Drittel der Wähler. Der Treibhauseffekt ist eine der besten dokumentierten und unzähligen Reviews unterzogene Erkenntnis. Die AfD leugnet die wissenschaftlichen Fakten zur Klimakrise. Sie bestreitet den menschengemachten Treibhauseffekt.

Die AfD regiert nicht. Was mit Wissenschaft passiert, wenn sie regieren sollte, können wir aktuell in den USA unter Trump beobachten.

Trumps Kampf gegen die Wissenschaft geht weit über den Druck hinaus, dem das von mir sehr geschätzten National Museum of the American Indian Museum oder das National of African American Museum of History an Culture ausgesetzt sind.

Trump setzt sich selbst an die Stelle von Wissenschaft. Er verfügte per Dekret, das Kohlenmonoxid nicht länger als gesundheitsschädlich gilt. Damit ist der Bekämpfung der Klimakrise in den USA der Boden entzogen.

Der Grund waren nicht Evidenz oder neue Erkenntnis. Die Kosten für die fossile Industrie Treibhausgas zu vermeiden, waren Trump zu hoch. Übrigens: In Deutschland kommt CO2 beim Schlachten von Schweinen und Geflügel zum Einsatz

Doch Trump beschränkt sich nicht auf die Missachtung wissenschaftlicher Erkenntnis. Er schikaniert nicht nur Universitäten wie Harvard. Er sorgt dafür, dass unbequeme wissenschaftliche Ergebnisse gar nicht mehr zustande kommen.

Tramp macht nicht nur Kulturkampf gegen Genderstudies. Die härtesten Kürzungen in der US Forschungsförderung treffen die Geowissenschaften, Raumforschung, Meteorologie und die Medizin. Im Zentrum seiner Kürzungen steht sich evidenzbasierte Naturwissenschaft.

Weil die Botschaft nicht passt, wird dem Boten, wird der Wissenschaft das Geld entzogen.

Wissenschaft findet nicht im luftleeren Raum statt. Seit Joseph Oppenheimer wird über die Verantwortung von Wissenschaft für Ihre Ergebnisse diskutiert. Das ist eine eminent politische Frage. Doch es ging um die Verantwortung von Wissenschaft.

Trump geht es darum, Wissenschaft zu verhindern, deren Ergebnisse seine Politik infrage stellen könnte.

Es ist die Verantwortung von Wissenschaft sich dem entgegen zustellen.

Wir wollen nicht zurück zu Giordano Bruno. Wissenschaft soll nicht Politik machen, aber sie muss sich gegen wissenschaftsfeindliche Politik wehren – um ihrer selbst willen.

Es ist dagegen Aufgabe demokratischer Politik die Integrität und die Freiheit der Wissenschaft gegen den politischen Zugriff von rechts zu verteidigen.

4 Liebe

Was können Museen zur Verteidigung der Wissenschaft beitragen?

Sie können den Prozess der Erkenntnis transparent und erfahrbar machen. An meiner Universität in Göttingen steht das Haus des Wissens. Es steht am Bahnhof. Wenn sie mal in Göttingen sind, schauen Sie einfach mal rein.

Das Haus des Wissens hat sich zur Aufgabe gemacht, den Prozess, wie Wissen entsteht, transparent zu machen, ob im Labor, in der Bibliothek oder im Hörsaal.

Einen Raum dort finde ich besonders eindrucksvoll. Es ist ein Raum, durch den ein Holzsteg führt. Wenn sich in Deutschen jemand irrt, heißt es, „Du bist aber schwer auf dem Holzweg“.

Der Holzweg steht dafür, dass Wissen immer und gerade durch Irrtum entsteht. Das vor jeder neuen Erkenntnis viele Umweg und Sackgasse gegangen werden.

Kein Wissen ohne Irrtum.

Diese Botschaft der Wissenschaft ist das radikale Gegenprogramm zu den „ewigen Wahrheiten“ ideologischer Glaubenssätze.

Doch Museen haben noch eine andere Funktion. Naturkundemuseen besonders.

Menschen schützen nur, was sie kennen, was sie wertschätzen, was sie lieben.

Denken Sie an den jungen Jürgen Trittin im Überseemuseum zu Bremen. Seine Begegnung mit der fremden Natur, mit der anderen Kultur, sein Wundern über die nautischen Leistungen der Polynesier mit ihren Kanus, all das hat er nie vergessen.

Mein Nachbarjunge Jakob wusste mit Fünf mehr über Dinosaurier als ich. Er war hier häufig zu Besuch. Auch er wird das nicht vergessen.

Die Neugier junger Menschen in Wissen und Liebe zu verwandeln ist die Basis des Naturschutzes.

Das ist eine große Herausforderung. Wenn Sie ihr nachkommen werden Sie Gegenwind erfahren. Denen, die mit der Zerstörung der Erde Milliarden verdienen, gefällt das nicht.

Aber es ist eine nötige Aufgabe. Wir haben nur diese eine Erde. Es gibt für die Menschheit keine zweite. Dem müssen Museen gerecht werden – wissenschaftsbasiert und empathisch.

Vielleicht hilft dabei ein altes Motto:

Die Erde gehört uns nicht. Wir wohnen nur zur Miete.

5 „Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt“

Bewahren wir sie. Kümmern wir uns um sie. Zeigen wir ihre Schönheit, ihre Verletzlichkeit.

Die Erde braucht die Menschen nicht – unsere Kinder und Enkel aber brauchen diese Erde.