Ein Zwischenruf
Am 25. Jahrestag von Nine-Eleven werden alle lebenden ehemaligen Präsidenten der USA den Opfern von 2001 still die Ehre erweisen. Der amtierende Präsident Donald Trump aber verweigert sich dem Gedenken. Seine Politik führt ein halbes Jahrhundert zurück. Mit Trump bekommt der 11. September 1973 in Santiago de Chile eine beklemmende Aktualität.

Allende-Denkmal vor der Moneda in Santiago de Chile
Am 11. September 1973 putschte das Militär in Chile gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende, tatkräftig mit Geld und Logistik unterstützt von den USA. Die Luftwaffe bombardierte seinen Amtssitz La Moneda. Allende hielt eine letzte Radioansprache und erschoss sich anschließend mit einer Maschinenpistole.i
Die neue Militärjunta unter General Augusto Pinochet schaffte Wahlen und die Demokratie ab. Mit tätiger Hilfe der USA wurden Tausende von Demokraten, Aktivisten, Gewerkschafter verhaftet, gefoltert, ermordet. 3000 Menschen starben. Eine Million wurde ins Exil vertrieben.
Die Lektion des 11. September 1073 lautete: Demokratie ja, aber nur solange sie den geostrategischen Interessen der USA nutzt. Chile war nicht allein. In Brasilien hatten Militär und CIA bereits 1964 den gewählten Präsidenten gestürzt und durch eine Militärdiktatur ersetzt. 1976 folgte die Militärdiktatur in Argentinien.
Die deutsche Rechte feierte die Pinochet-Diktatur damals unverhohlen. Franz Josef Strauss erklärte 1973 im CSU-Organ Bayernkurier, dass „das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang“ habe. Der CDU-Generalsekretär Bruno Heck fuhr nach Chile. Er rechtfertigte den Terror der Junta gegen Demokraten im Nationalstadion in Santiago mit den Worten: „Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm.“

Der Weg von Allendes Begleitern aus der Moneda in die Gefangenschaft
Der gern Der Westen genannte demokratische Kapitalismus hatte sich des Faschismus bedient, weil es seinen Interessen nützlich war. Dies gilt nicht nur für die USA. Viele Staaten Europas verhielten sich ähnlich, nicht nur die ehemaligen Kolonialmächte Frankreich und England, auch die Bundesrepublik Deutschland. Ihre Unternehmen, von Siemens bis Volkswagen, machten in den Militärdiktaturen Lateinamerikas glänzende Geschäfte. Bundeskanzler Helmut Schmidt schloss mit Brasiliens Militärdiktatur sogar ein Atomabkommen, dass den Militärs Zugriff auf Nukleartechnik verschafft hätte.
Die Völker Südamerikas haben sich in einem heroischen Kampf Ihre Freiheit und die Demokratie zurückerobert. In Santiago steht das Museum der Erinnerung und der Menschenrechte. Errichtet unter der Präsidentin Michelle Bachelet, einst selbst exiliert. In ihm ist nicht nur der Marsch in die Diktatur zu besichtigen. Es zeigt auch den Widerstand, den zivilen Ungehorsam wie den bewaffneten Kampf gegen sie, die Überwindung der Diktatur. Nach über fünfzehn Jahren Kampf wurde die Diktatur in Chile mit der Wahl eines neuen Präsidenten und Parlaments beendet.
Das Volk von Chile hat mit seinem zivilen wie bewaffneten Widerstand die Werte des Westens, die Demokratie und die Freiheit, gegen die USA und ihre Verbündeten durchgesetzt.
Es sind die finsteren Zeiten von 1973, in die Trump zurückwill. Weshalb sicher ist, dass eine Michelle Bachelet nicht mit Zustimmung der USA UN-Generalsekretärin würde. Trump hat nicht nur die alte Monroe-Doktrin wiederbelebt und zur Donroe-Doktrin umbenannt. Er praktiziert sie in Venezuela: „Wir brauchen Zugang zum Öl. Wir werden jede Menge Wohlstand aus dem Boden holen. Anders gesagt: Wir werden das Öl verkaufen.“ Was in Venezuela problemlos gelang, versucht Trump seit Monaten vergeblich im Iran.
Es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen Autoritarismus nach innen und Neoimperialismus nach außen. Trumps Imperialismus der Schwäche beruht auf der Überdehnung der Macht der USA in Folge von Nine-Eleven in 2001. Trump begrüßte damals zunächst Bushs Krieg gegen den Irak. Dann kritisierte er ihn. Heute kehrt er zur alten imperialen Praxis der USA zurück.
Wer den 11. September 1973 von Santiago wiederholen möchte, wäre beim Gedenken an die Opfer von Nine-Eleven in der Tat deplatziert.
i Ausführlicher: Jürgen Trittin, Alles muss anders bleiben, Droemer-Knaur, München 2024, S. 272 ff